60 Jahre her: Kreisschützenfest zum 375-jährigen Bestehen der Bruderschaft 1954

 

 

1954, dieses Jahr dürfte den meisten Leuten durch das „Wunder von Bern“ bei der Fußball-WM in der Schweiz bekannt sein, doch auch in Wanlo war dieses Jahr eines der spannendsten der Bruderschaftsgeschichte. Infolge der Wiederaufnahme der Bruderschaftsaktivitäten nach dem 2. Weltkrieg im Jahr 1949 hatte der Verein noch mit einigen Turbolenzen zu kämpfen. Es war schwierig, Mitglieder und Gruppen zu finden, die Akzeptanz im Ort musste erst wieder aufgebaut werden. Dementsprechend häufig wechselten die Vorstandsposten sowie der Verlauf der Prunk- und Vogelschussveranstaltungen.

Man kann es auch deswegen als absolutes Wagnis bezeichnen, als der Vorstand Mitte des Jahres 1953 beschloss, das im folgenden Jahr anstehende 375-jährige Jubiläum zu feiern. Bis in die Achtziger Jahre hinein galt aufgrund der Quellenlage nämlich 1579 als Gründungsjahr der Bruderschaft Wanlo. Infolge des Entschlusses wurden mehrere Ausschüsse gebildet, die bei Organisation des Festes den Vorstand unterstützen sollten, zum Beispiel bei der Musikbeschaffung oder dem Festheft. Außerdem sollte das Fest nicht – wie ansonsten üblich – im Saal einer Wirtschaft, sondern im Festzelt gefeiert werden. Die Vorbereitungen waren schon recht weit gediehen als Anfang des Jahres 1954 eine frohe Kunde des Erkelenzer Kreisverbandes, zu dem die Wanloer Bruderschaft gehörte, eintraf: So sollte während des Jubiläumsfestes in Wanlo dort auch gleichzeitig das jährliche Kreisschützenfest stattfinden. Dies bedeutete für Wanlo natürlich einen hohen Besucherzustrom und viele Gastbruderschaften, die aus den Kreisen Erkelenz und Grevenbroich (dem Wanlo politisch angehörte) bei den Jubelfeierlichkeiten anwesend sein würden.

Beim Jubiläumsschützenfest selbst, das zwischen dem 29. und 31. Mai 1954 stattfand, hatte Wanlo dann auch ein entsprechend großes Programm aufgefahren. Obwohl genau zum Schützenfest eine wochenlange Schönwetterperiode zu Ende ging und Regenschauer die Stimmung trübten, muss der Blick auf Wanlos Straßen bombastisch gewesen sein: Jedes einzelne Haus war mit Fahnen, Wimpeln oder Girlanden geschmückt worden. Am Prunksamstag wurde nach dem Maiensetzen ein großes Festbankett im Zelt abgehalten. Zu den Programmpunkten zählten mehrere Gesangsvorträge des MGV Concordia und des Kirchenchores, Festreden, akrobatische Vorführungen des TuS Wanlo und ein Kunstfahren des Radfahrvereins „Schnecke“ Neuwerk. Am Prunksonntag, der – wie heutzutage auch – mit einem Hochamt und der Gefallenenehrung begonnen wurde, stand der große Festumzug als Höhepunkt des Schützenfestes auf dem Programm. Über 20 Gastbruderschaften waren nach Wanlo gekommen. Pünktlich zum Beginn des Umzuges hörte es sogar zu regnen auf und die Zahl des Zuschauer erhöhte sich merklich. Die Parade ließ das Herz des Bruderschaftsschriftführers Johann Jordans merklich höher schlagen, wie ein Blick ins Geschäftsbuch beweist: „Es war ein farbenprächtiges Bild, als die historischen Gruppen wie Ulanen, Matrosen, Landsknechte, Husaren und die Schill‘schen Offiziere, alle in ihrer Tracht und Uniform, ein Stück deutschen Heldentums wach werden ließen. Dazwischen erscholl immer wieder die Marschmusik und Gleichschritte.“ Der abendliche Königsball, den auch das Wanloer Königshaus um Majestät Peter Obst genoss, fand im überfüllten Zelt statt. Ebenfalls sehr gut besucht waren am nächsten Tag das Frühschoppen und der Klompenball am Abend, den die Wanloer Bevölkerung ausgiebig nutzte, um sich und das gelungene Fest zu feiern, bei dem sogar die Zeltwirte auf ihre Kosten kamen.

Eigentlich würde es hier passen, die Metapher vom „Wunder von Bern“ wieder aufzugreifen, wenn man bedenkt, dass eine gerade einmal fünf Jahre wieder bestehende Bruderschaft so ein großes Fest auf die Beine stellen konnte. Doch während sich die Deutsche Fußballnationalelf in den kommenden Jahren nach 1954 an der Weltspitze festsetzte, gab es für die Bruderschaft schon ein paar Monate nach dem Jubiläumsfest erneute Ernüchterung. Bei der im Sommer stattfindenden Hauptversammlung beklagten sich große Teile des Vorstands über die mangelnde Unterstützung der Ausschüsse während der Vorbereitungen zur Prunk, so dass bis auf den 1. Kassierer alle Vorstandsmitglieder ihre Ämter niederlegten. Bei den nachfolgenden Neuwahlen muss es wohl höchst chaotisch zugegangen sein, das belegen allein 17 geschwärzte Zeilen im Geschäftsbuch an dieser Stelle. Auch der neue Vorstand hatte es wohl in der Folge nicht leicht: Keiner der neuen Vorstandsmitglieder blieb länger als bis 1960 im Amt.